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Warum weniger mehr ist

Zengarten

Wer kennt ihn nicht, den Spruch Weniger ist mehr.. Wenn man ihn so hört gerät man leicht in die Versuchung zu denken, dass es sich dabei um pseudophilosophisches Geschwafel (oder esoterisches Hirngewichse) handelt. Wenn ich schonmal vorwegnehmen darf: mit nichten!

Bei der Idee des ‚Weniger ist mehr‘ handelt es sich um die Kunst der Reduktion auf das Wesentliche. Diese Kunst ist schwer und die wenigsten beherrschen sie. Das merkt man beispielsweise an uninteressanten, weil kaugummizähen Vorträgen. An Texten, die sich endlos hinziehen. Und auch an Programmen, die dem Benutzer in der Standardansicht bereits so viele Optionen anbieten, dass die eigentliche Funktionalität darunter begraben wird.

Die Reduktion auf das Wesentliche erfordert mehr Arbeit (und Zeit), als das unreduzierte Produkt benötigt. Daher entschuldigte sich Blaise_Pascal dereinst bei einem Korrespondenzpartner mit den Worten:

Dieser Brief geriet mir länger als gewöhnlich, weil mir die Zeit fehlte, ihn kurz zu fassen.

Das Wesentliche einer Sache, was ist das? Es ist das, was nicht weggelassen werden kann, ohne die Natur der Sache zu verändern. Alles andere ist Beiwerk.

Um Wissen zu erreichen, füge jeden Tag hinzu.

Um Weisheit zu erlangen, nimm jeden Tag weg.

Lao Tse

Das Wesentliche scheint mir eng mit dem Begriff der Einfachheit (engl. ) verbunden zu sein. Die einfachste Lösung eines Problems, ist die, in der das Wesen des Problems erfasst und ausgenutzt wurde. Ein amüsantes Beispiel einer einfachen aber überlegenen Lösung wird in Insects and entropy gegeben. Es geht um einen Wettbewerb, in dem schlussendlich die simpelste Lösung alle anderen, weit komplexeren Lösungen schlägt.

Simplicity plays a central role in all timeless designs. We appreciate solutions that – all other things being equal – solve problems in a clear, economical, fashion. The most powerful designs are always the result of a continuous process of simplification and refinement.

Kevin Mullet and Darrel Sano (1995) – Designing Visual Interfaces

Auch in der gibt es eine Bewegung, die dieser Idee anhängt. Stichworte sind hier less code und less software. Die Metrik des ‚Codezeilen pro Tag‘ für die Arbeitswut eines Programmierers scheint hiermit ebenfalls ad absurdum geführt zu sein. It’s Not About Lines of Code. Es geht um Codequalität, nicht -quantität. Deswegen sind auch einfache, mächtige Programmiersprachen gegenüber komplexen, mächtigen Programmiersprachen vorzuziehen. Dazu in einem separaten Eintrag mehr…

Removing code means you are simplifying the code and the result is a net gain. So, next time, you’re refactoring and deleting code. Don’t think of it as deleting, but as gaining code via simplicity.

Blaine Buxton

Um nochmal auf Text zurück zu kommen: Beim Schreiben meiner Diplomarbeit (DA) habe ich ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass es einfach ist, viel Text zu produzieren. Die Überarbeitung dieses Texts in Bezug auf Qualität ist jedoch schwierig.

Mich haben schon in der Schule die 12-Seiten Aufsätze meiner Mitschülerinnen aufgeregt. Für Lehrer ist die produzierte Masse an Text ein einfacheres Qualitätsmass als der tatsächliche Inhalt einer Arbeit. Irgendwie kam ich mir mit meinen drei Seiten immer recht verlassen vor. Leider war in meinen wenigen Seiten ebensowenig von Qualität zu merken als in manch einem aufgeblähteren Werk.

Was ich während meiner DA noch gemerkt habe ist, dass viel Text meist einer vorzeitigen Optimierung (engl. premature optimization) gleich kommt. Man investiert also viel Zeit (weil viel Text), um später festzustellen, dass man sich verrannt hat. Das Wesentliche wurde mit soviel Dekoration versehen, dass man es nicht mehr erkennen kann. Man muss sich also immer darüber klar sein, was gemacht werden soll. Und wenn man den Verdacht hegt, dass man sich gerade verzettelt, lieber eine Pause machen, einen Schritt zurück treten und das Ganze distanziert betrachten. Wenn man lernt sich auf das Wesentliche zu beschränken, dann stellt man fest, dass weniger mehr ist.

Noch wenige, wesentliche Links. Besonders der erste Link zum Simplicity-Blog von John Maeda sei dem verehrten Leser an’s Herz gelegt…

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