Skip to content

Der direkte Nutzen und humanistische Bildung

arete

Jetzt kann ich es ja zugeben. Ich genoss eine humanistische Bildung. Oder, vielmehr, ich genoss die Bildung am humanistischen Zweig eines bayerischen Gymnasiums. Diesen Zweig zeichnet aus, dass neben Latein auch Alt-Griechisch gelernt wird.

So fing ich aber nicht an. Ursprünglich besuchte ich den neusprachlichen Zweig, der sich dadurch vom humanistischen unterscheidet, dass in der fünften Klasse mit Englisch, nicht mit Latein, begonnen wird.

In der siebten Klasse kommt dann Latein hinzu. Und in der neunten besteht die Wahlmöglichkeit zwischen Französisch oder Alt-Griechisch. Normalerweise nimmt man Französisch, wenn man mit Englisch in der Fünften begonnen hat. Ich nahm Griechisch und wechselte somit eben vom neusprachlichen auf den humanistischen Zweig.

Das war eine bewusste Entscheidung. Damals gefiel mir Religion nicht, aber Philosophie. Mich interessierte Nietzsche, aber nicht Fußball. Was lag also näher als Platon, Aristoteles und Homer im Original zu lesen?

Sehr selten kommt man auf solche biografischen Details zu sprechen. Und es ist erstaunlich, wie oft ich mich dann dafür Altgriechisch gelernt zu haben, quasi rechtfertigen muss, bzw. sollte.

Die Frage, die dann unweigerlich gestellt wird ist Wozu brauchst du das?, oder Hast du das jemals gebraucht?.

Natürlich habe ich mein Altgriechisch nie gebraucht. Ich habe damit noch nie Brötchen gekauft. Und Gyros kann ich auch ohne dieses Wissen bestellen. Die Frage scheint berechtigt: Warum lernt man diese tote Sprache, wenn man sie doch nie anwenden kann?

Na, ich kann die griechische Zutatenliste auf so manch einer Verpackung lesen. Lesen, aber nicht verstehen, denn das moderne Griechisch ist doch sehr verschieden von dem, was ich in der Schule gelernt habe. Außerdem könnte ich es gar nicht verstehen, selbst wenn es identisch wäre, weil ich quasi alles vergessen habe. Alles, was die Sprache angeht, die Vokabeln. Das Argument, dass man mit der Kenntnis des Altgriechischen medizinische Begriffe herleiten könnte, ist auch kein wirkliches Argument.

Und dennoch bin ich davon überzeugt, dass es nicht vergebens war. Ganz im Gegenteil. Obwohl ich die Vokabeln zum allergrößten Teil vergessen habe, hat mich die Beschäftigung mit dieser doch anderen Sprache und auch den Schriften, die in dieser Sprache verfasst wurden, verändert. Nein, man kann das nicht messen. Es ist nichts direktes, an der Oberfläche sichtbares. Es ist tiefergehend.

Und genau das ist das Problem: Es ist nicht messbar (und tiefergehend ;-)). In einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der man sich beispielsweise rechtfertigen muss, wenn man in seinem Studium eine Vorlesung gehört hat, in deren Titel ein ‚theoretisch‘ vorkommt, ist der Nutzen einer humanistischen Bildung verloren gegangen. Gleichzeitig gehen die Ideale dieser Bildung verloren. Ich wage zu behaupten, dass auch das Lernen um des Lernen Willens dazugehört (Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod). Das Lernen, weil man Spaß daran hat. Alles muss einen Zweck und Sinn haben. Ein Ziel, auf das man hinarbeitet. Und alles, was nicht zu diesem Weg gehört, ist zu unterlassen. Welchem Ziel hat mich das Lernen toter Sprachen näher gebraucht? Ich kann es nicht sagen. Noch nicht. Vielleicht, in vielen Jahren, werde ich wissen, welches Ziel es war. Bis dahin werde ich nicht bereuen.

Und vielleicht Japanisch Lernen. Wozu? Blöde Frage!

Der Weg ist das Ziel.

In diesem Zusammenhang kommt mir als Buchlektüre Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse in den Sinn. Vielleicht mal reinschauen!

{ 1 } Comments

  1. masterkuki | 2006/2/28 at 03:31 | Permalink

    Und ob es messbar ist, allerdings nur durch Dich selbst. Neben den fünf fließend gesprochenen Sprachen sind die einmal mehr oder weniger intensiv gelernten und wieder vergessenen Neugriechisch, Japanisch, Afrikans und Russisch einTeil von mir, der durch die Sprache eine Tür zum Verständnis der Völker öffnete, die diese Sprachen sprechen. Und die Tür bleibt offen.
    Also viel Spaß besonders mit Japanisch.

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *