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Mythen, Kampkunst, Hygiene und Suppekochen

Obi-Suppentopf
Cooking some obi-soup
Oct 3, 2006 – 21 Photos

Ab und an wasche ich meinen Obi, den Stoffgürtel, der das Oberteil meines Keikogi zusammenhält. Ein solch hygienischer Umgang mit dem Obi ist unter ‚traditionsbewussten‘ Aikidokas (und generell unter traditionsbewussten Stoffgürtelträgern) durchaus ungewöhnlich.

Als kritikfähiger Traditionsfundamentalist musste ich diesen Sachverhalt hinterleuchten…

Warum wäscht man den Obi nicht?

Es besteht der Glaube, dass sich im Obi das Ki sammelt, das im Laufe harter Trainingseinheiten (oder angenehmer Kaffeekränzchen) aufgebracht wurde – oder was auch immer.

Andere Theorien besagen, dass sich im Obi das Wissen und die Erfahrung sammelt, die durch hartes Training erworben wurden.

Der Obi als Zeichen harten Trainings, darf aus Ehrfurcht vor dem auf ihn befindlichen Schweiß, Rotz und Blut daher auf keinen Fall gesäubert werden.

Ein weltlicheres Problem beim Waschen eines Obis besteht darin, dass er evtl. eingehen könnte. Ein Mittel gegen dieses Problem wäre: Etwas mehr Kohle in einen guten Obi investieren. Und: nicht zu heiß waschen.

Oder doch waschen?

Ich weiss, dass sich in einem Gürtel tatsächlich Ki – die japanische Lebensenergie sammelt. Und zwar in Form von Bakterien.

Von einem hygienischen Standpunkt aus betrachtet und eingedenk des irgendwie ehrfurchtgebietenden Schweißes, dem Rotz und dem Blut, sollte der Obi daher ähnlich oft gewaschen werden wie der Keikogi. Man, habe ich schon schweißnasse Obis gesehen. Obis, die ich nichtmal mit der Pinzette anfassen würde. Und doch wurden sie von ihrem Träger berührt, der dann mich angefasst hat.

Als Alternative zum Obiwaschen könnte die Devise auch lauten:

Vor dem Osae und nach dem Obianfassen – nicht vergessen, die Hände waschen!

Eine kurze Geschichte aus der Obi-Mythologie

Ist schon cool, wenn man einen langjährigen Schwarzgurtträger queer durch die Trainingshalle an seinem mittlerweile schon fast wieder weißen und kurz vor dem Zerfall stehenden Gürtel erkennt.

Dies ist übrigens auch ein Indiz dafür, daß die Geschichte mit dem „Am Anfang trägt man einen weißen Gürtel, der mit der Zeit und durch Schweiß und Blut, schwarz wird“ nicht stimmen kann. Ein mit Schweiß und Blut geträngter Gürtel ist einfach nur das: dreckig.

Und kurz vor dem Auseinanderfallen wird er wieder weiß. Das hat nichts mit dem vielbeschworenen „ Geist, Anfänger Geist“ zu tun, sondern ist der ganz normale Lauf der Dinge.

Es soll sogar Leute geben, die ihren Gürtel hinter das Auto binden, so dass er am Boden schleift, und erstmal ein paar Runden im Viertel drehen. Naja. Geschichten halt.

Wer schneller einen zerfallenen Schwarzgurt tragen möchte, der sollte sich übrigens einen mit Seide oder Satin beschichteten Obi zulegen (Goldstickerei nicht vergessen!). Die so beschichteten Gürtel tragen schneller ab als solche aus Baumwolle.

Ähnlich wie das Nicht-waschen-Gebot ist ein im Auflösungsprozeß befindlicher Gürtel eine seltsame – weil unfunktionale – Tradition. Wenn man überhaupt von Tradition sprechen kann, was ich bezweifle.

Wie lange gibt es eigentlich farbige Gürtel?

Seit ca. 100 Jahren. D.h. so, wie sie heutzutage in den bekannteren Kampfsport/kunstarten verwendet werden, nämlich als äußeres und allgegenwärtiges Zeichen des Rangs bzw. der Graduierung.

In den Breitensport eingeführt wurden die bunten Gürtel ca. 1920 von Jigoro Kano, dem Begründer des Judo. Damals gab es weiße, braune und schwarze Gürtel. Nix Regenbogen, obwohl’s schön gewesen wäre. Aber auf den schwarz/weiß-Bildern hätte man’s sowieso nicht gesehen.

Die oben erwähnte Geschichte: weißer Gürtel -Schweiß/Rotz/Blut-> schwarzer Gürtel ist also wohl noch nicht allzu alt. Tradition? Ich weiss nicht. Eher abstoßend.

With passion and time the mulberry leaf becomes silk.

Zu diesem Thema findet sich im Denkzeit-Wiki übrigens die Seite AikidoEquipment mit weiterführenden Links.

Meine Geschichte

Durch das Waschen und aufgrund der eher schlechten Qualität meines Obis – hat sich schon früh das Braun rausgewaschen. Schließlich hatte mein Obi eine unansehlich gräuliche Mischung aus grün und braun.

Nachdem ich auf dem Chida-Lehrgang von vor drei Wochen in München zu unterschiedlichen Gelegenheiten von verschiedenen Leuten auf diesen Umstand hingewiesen wurde, habe ich mich entschlossen, meinem Obi frische Farbe zukommen zu lassen. Ich habe ihn gefärbt. Tja, ich bin sowei Traditionalist, dass ich meinen Gürtel nicht einfach so hergebe oder durch einen neuen ersetze…

Auf Picasaweb und auf Flickr habe ich den Vorgang dokumentiert: Cooking Some Obi Soup

{ 5 } Comments

  1. Emerentia | 2006/10/19 at 09:53 | Permalink

    Also ich hab mir jetzt mal auch deine Bilder auf flickr angesehen und ich muss sagen: dein „brauner“ Obi war ja wirklich grün… wie geht das denn? Schimmel? Igitt! 😮
    Was ich auch nicht verstehe ist, wieso du Plastik-Handschuhe beim zusammenmischen der Chemikalien getragen hat… mein Chemielehrer hat damals ein Reagenzglas mit Salzsäure nur mit seinem Daumen verschlossen und dann geschüttelt… 😉 Aber besser ist’s wohl mit: es heisst ja schon in der Werbung Mit Gummi verhüten! 🙂

  2. Steffen | 2006/10/19 at 10:49 | Permalink

    Die Gummis habe ich getragen, weil’s a) gut aussieht und b) damit ich keine Probleme habe, eine ggfs. auf die Hände gekommene braune Färbechemikalie wieder wegzukriegen.
    In der Anleitung stand: Flächen und Gegenstände, auf denen Farbreste nicht mehr weggehen, müssen mit Bleiche bearbeitet werden.
    Dazu oder auf langes Schrubben hatte ich keine Lust.

    So einfach ist das: Arbeitsersparnis und Aussehen.

  3. Emerentia | 2006/10/19 at 11:47 | Permalink

    Okay, versteh ich. Aber dann bleibt da noch das „Product Placement“ … gibt’s dafür eigentlich Geld von Henkel?! 😉 Nein, war nur ein kleiner Scherz!

  4. Florian | 2007/1/18 at 11:35 | Permalink

    Was ist ein Obi??? kann mir das Jemand mal ganz kurz erklähren???

  5. Emerentia | 2007/1/19 at 12:32 | Permalink

    Der Gürtel bei (asiatischen) Kampfsportarten heißt „Obi“. Seine Farbe zeigt dabei (meist) den Ausbildungsstand des Trägers an.

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